„Wir brauchen sonderpädagogischen Sachverstand für alle Kinder“

weiterer Bericht der Esslinger Zeitung nach dem Fachgespräch zum Thema "Integration und Inklusion ..."

ESSLINGEN: SPD-Fachgespräch zum gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern

Die Klassengemeinschaft von behinderten und nichtbehinderten Kindern hat Leonore Beutel (auf unserem Foto mit Lehrer Axel Widmann und Klassenkamerad Jakob) enorm gestärkt, sagt ihre Mutter. Archivfoto: Bulgrin

Leonore Beutel hat die Zuhörer am meisten berührt, obwohl sie gar nicht im Saal war. „Im Kindergarten passte sie nicht in das System“, erzählte ihre Mutter Bettina über ihre Tochter mit Down-Syndrom. „Sie war auf Erwachsene fixiert, wurde sprachlos und aggressiv.“ All das hat sich geändert, seit sie vor dreieinhalb Jahren in der Burgschule eingeschult wurde. In die Regelschule ihres Wohnbezirks in der Esslinger Innenstadt - wie schon ihre drei älteren Geschwister.

Von Claudia Bitzer

Warum tut sich speziell das baden-württembergische Bildungssystem so schwer mit der UN-Konvention, die behinderten Menschen das Recht auf Beteiligung am Bildungsprozess sichern will? Wie wird gemeinsamer Unterricht von Schülern mit und ohne Handicaps an Regelschulen bereits praktiziert? Und wie wirkt sich die Aufhebung der Sonderschulpflicht auf die Bildungslandschaft aus? Das waren die Fragestellungen, zu denen die SPD-Kreisräte und ihre Kollegen aus dem Esslinger Gemeinderat zu einem Fachgespräch in die Rohräckerschule eingeladen hatten. Ein Thema, das auch schon ohne die anstehende 46-Millionen-Euro-Sanierung des Rohräcker-Sonderschulzentrums kompliziert genug wäre. Ein Ergebnis des Abends deshalb gleich vorweg: Die fünf Sonderschulen werden sicher nicht überflüssig. Und schon gleich gar nicht von heute auf morgen.

Inklusion oder Integration?

Das würde selbst Kerstin Merz-Atalik unterschreiben, Professorin für Sonderpädagogik in Reutlingen und Prorektorin an der PH Ludwigsburg. Sie ist Verfechterin eines „inklusiven“ Bildungssystems, wie es die UN-Behindertenrechtskonvention laut Merz-Atalik klar verlangt. „Spricht man von ,Integration‘, sollen die Menschen in ein System eingegliedert werden, das nicht für sie vorgesehen ist. Es wird ständig gefragt: Ist dieser Mensch auch integrationsfähig?“ Die „Inklusion“ gehe hingegen von der Unterschiedlichkeit aller Individuen aus. Sie kenne kein Aussondern, sondern suche Strukturen, „die der menschlichen Vielfalt gerecht werden“.

Die Inklusionsklasse

Solche Strukturen versucht Klaus Hummel an seiner Burgschule ohnehin allen Kindern anzubieten. Im Rahmen des Integrativen Schulentwicklungsprojekts ISEP sind seit dreieinhalb Jahren auch zwei Kinder mit Down-Syndrom und zwei weitere mit sonderpädagogischem Förderbedarf darunter. Eine Grundschul- und eine Sonderschullehrerin unterrichten die Klasse im Tandem. Die 20 Stunden, die die Sonderschule einbringen kann, „reichen eigentlich nicht aus“, so Hummel. „Wir haben für solche Projekte keine Berechnungsgrößen. Es ist ein Schulversuch“, erklärte Jürgen Dicke-Bonk, Rektor der Schule für Körperbehinderte im Rohräckerzentrum. Tatsache ist jedenfalls, dass vom Miteinander auch die anderen Schüler an Hummels Brennpunktschule profitieren: „Wir in den Regelschulen brauchen den sonderpädagogischen Sachverstand für alle unsere Kinder“, so Hummel.

Die Außenklasse

Das ISEP-Modell wird in Baden-Württemberg vermutlich keine Zukunft haben. Das Land setzt offenbar auf mehr Außenklassen: Anders als in den Inklusionsklassen bleiben die behinderten Jungen und Mädchen Schulkinder der entsprechenden Sonderschule, haben ihr Klassenzimmer aber an einer Regelschule und kooperieren dort mit einer Partnerklasse. Die Schule für geistig Behinderte des Rohräckerzentrums arbeitet auf diese Weise schon mit der Klosterhofschule und der Erich-Kästner-Schule in Nellingen zusammen. Mindestens fünf Kinder mit Handicaps braucht es, dass die Rohräckerschule für eine Außenklasse bis zu zwei Lehrer zur Verfügung stellen kann. Der Umfang der Kooperation ist nicht vorgeschrieben. Seitens der Rohräckerschule wird jedoch großer Wert auf möglichst viele gemeinsame Stunden gelegt. Sonderschullehrerin Andrea Fretz: „Wir machen täglich zwischen zwei und fünf Unterrichtsstunden zusammen.“ Doch auch dieses System funktioniert wie ISEP nur bei „engagierten Kollegen auf beiden Seiten, die sich über das Maß hinaus engagieren“, betonte Udo Lang, Rektor der Erich-Kästner-Schule. Weiteres Problem für die Kinder: die langen Anfahrtswege quer durch den Kreis.

Die Kritik

Inklusions-Befürworterin Merz-Atalik ist das Außenklassen-Modell nicht weitreichend genug: „Es erreicht nur einen kleinen Teil der Menschen mit Beeinträchtigungen. Außerdem haben zehn Prozent aller Kinder Förderbedarf. Warum kann man nicht allen Kindern das sonderpädagogische Potenzial mit auf den Weg geben?“

Für Leonore Beutel war die Inklusionsklasse richtig: „Sie entspannte sich, die Aggressionen verschwanden, sie bekam Selbstvertrauen“, so ihre Mutter. Doch muss das, was für Leonore gut war, nicht automatisch auch für alle anderen Jungen und Mädchen richtig sein. Längst nicht alle Eltern wollen ihre Kinder mit Handicaps in einer Regelschule exponiert und womöglich gar unter Druck sehen - auch das hat sich an dem Abend gezeigt. Und schon gleich gar nicht, wenn sie dort im Unterricht keine speziellen Fördermaßnahmen für ihr Kind und keine sonderpädagogische Kompetenz von den Lehrern erwarten können. Selbst für die Außenklassen tut sich die Schule für geistig Behinderte teilweise schwer, Interessenten zu finden, berichtete Ulrich Mathes, Leiter des betreffenden Hauses im Rohräckerzentrum.

„In einem muss sich das Land jedenfalls klar sein: Ohne zusätzliche Ressourcen wird es keine Qualitätsverbesserung geben“, meinte ein Zuhörer am Ende des Abends.