Sonderpädagogisches Kompetenzzentrum Rohräckerschule
Die Frühförderung und die sonderpädagogischen Dienste als eigenständige Handlungsfelder der Sonderpädagogik.
An allen Schnittstellen ist die individuelle Entwicklung des Kindes Ausgangspunkt für den nächsten Schritt,
beispielsweise bei einer bevorstehenden Einschulung, Umschulung und auch für die Förderplanung.
Vor allem das Rohräckerzentrum hat die moderne Entwicklung des Sonderschulwesens in der Region mitgetragen. Aufgrund der beispielhaften Kooperation verschiedener Schulträger konnte vor 25 Jahren ein Schulzentrum entstehen, das fünf verschiedene Sonderschultypen zusammen führte.
Die Konzeption dieser bis heute in Baden-Württemberg einmaligen Einrichtung war so angelegt, dass alle beteiligten Sonderschulen von Anfang an in einem permanenten organisatorischen und insbesondere fachlichen Austausch standen und selbstverständlich auch heute noch stehen. Neben dem sonderpädagogischen Unterricht und der Erziehungsarbeit wurden weitere wichtige Aufgaben wie Diagnostik, Beratung und Kooperation mit den beteiligten sonderpädagogischen Einrichtungen innerhalb des Schulzentrums, aber auch mit sozialen, medizinischen und psychologischen Diensten außerhalb des Schulzentrums von Beginn an offensiv angegangen. Auf dieser Basis wurde auch für die Förderschule ein sozial bedeutsames pädagogisches Konzept entwickelt und mit der Einrichtung des Ganztagesbetriebes verwirklicht. Diese günstigen Rahmenbedingungen haben die Sonderschulen und die angegliederten sonderpädagogischen Einrichtungen für ihre Weiterentwicklung und in individuellen Ausprägungen konsequent genutzt.
Nicht ohne Stolz kann sich das Rohräckerzentrum deshalb als „Sonderpädagogisches Bildungs- und Dienstleistungszentrum“ bezeichnen, das optimale Voraussetzungen für die bestmögliche Förderung von behinderten Kindern bietet.
(MD Manfred Hahl Kultusministerium anlässlich des Schuljubiläums im Jahr 2000)
In der Weiterentwicklung hat sich aus den unterschiedlichen sonderpädagogischen Bereichen ein Kompetenzzentrum entwickelt. Dadurch können wir sowohl innerschulisch, als auch außerschulisch vielfältige Möglichkeiten der Kooperation und Integration umsetzen.
So beraten unsere Sonderpädagogischen Dienste bei allen Fragen der Lernortklärung.
Möglichkeiten der Integration und Kooperation:
- integrative Schulentwicklungsprojekte
- Außenklassen
- Einzelintegrationsmaßnahmen
- Möglichkeiten der ambulanten Sprachtherapie
- probeweise Beschulungen in Grund- und Hauptschulen
- probeweise Beschulungen in der Sonderschule
Bei Fragen zur Entwicklung ihres Kindes können Eltern bereits im Säuglings- und Kleinkindalter, also zu sehr frühem Zeitpunkt, Beratung und Begleitung durch die Frühförderstellen erhalten. Hierauf aufbauend gibt es auf Wunsch der Eltern das Angebot der Schulkindergärten oder die Begleitung in der wohnortnahen Kindertageseinrichtung.
An allen Schnittstellen ist die Entwicklung des Kindes Ausgangspunkt für den nächsten Schritt, beispielsweise bei einer bevorstehenden Einschulung oder Umschulung.
„Das starre System ist schon aufgebrochen“
Zeitungsbericht der Esslinger Zeitung über ein Fachgespräch zum Thema "Integration und Inklusion - (wie) geht das?" Dieses Fachgespräch hat auf Initiative der SPD-Fraktion im März 2010 an der Rohräckerschule stattgefunden.
KREIS ESSLINGEN: Rektoren der Rohräcker-Sonderschulen sehen sich als Beratungszentrum - Sie setzen auf mehr Außenklassen - „Regelschule muss sich öffnen“
Über die Rolle der Sonderschulen wird im ganzen Land diskutiert. Mitten in dieser Debatte bereitet man sich am Rohräckerzentrum auf dem Esslinger Zollberg auf Erweiterung und Sanierung vor. „Die 46 Millionen Euro sind gut angelegt“, sagt Rektor Wolfgang Eiberger, Sprecher der fünf verschiedenen Sonderschulen, in die fast 700 Schüler gehen. Er und seine Kollegen sind überzeugt, dass weiterhin ein Sonderschulzentrum benötigt wird, allerdings mit mehr Außenklassen an Regelschulen.
Von Roland Kurz
„Was nützt den Eltern, wenn ihr Kind in einer Gruppe aufgenommen wird, aber die spezielle Förderung nicht bekommt?“ Das ist für Rektor Eiberger die zentrale Position, um die Institution Sonderschule zu rechtfertigen. Er verweist auf ein „ausgetüfteltes System der Frühförderung und Beratung“. Man erfülle bereits die Vorstellungen eines Bildungs- und Beratungszentrums, von dem Ex-Minister Rau und seine Expertenrunde geredet haben.Schon im Kindergarten berate man die Eltern. Wenn dann ein Entwicklungsrückstand von eineinhalb Jahren festgestellt werde, stelle sich aber die Frage, ob dieses Kind in die gleiche Klasse soll wie Kinder, die bereits lesen können und für die das Gymnasium als Ziel auserkoren worden ist. Die Schere zwischen den notwendigen Unterrichtsangeboten halte ein Grundschullehrer nicht aus, ein zweiter Kollege müsse helfen. Eiberger, der die Förderschule leitet, empfiehlt den Eltern: „Lassen Sie Ihr Kind bei uns anfangen, in einer Gruppe mit maximal zehn Kindern.“Wenn die Eltern dennoch lieber auf die Regelschule wollen, hebe das Schulamt die Sonderschulpflicht auf. Neu sei künftig nur, dass die Formalien wegfallen. „Wir befinden uns schon in einer Umbruchsituation, das starre System ist aufgebrochen,“ sagt Eiberger. Geht das behinderte Kind auf die Grundschule, brauchen Kind und Schule Unterstützung. Für fast jede Schule im Raum Esslingen habe er eine „kleine Personalreserve“. Das Netzwerk, wie es der Expertenrat verlange, sei geknüpft. Allerdings bieten die Sonderpädagogen nur Beratung und Diagnose, keine sonderpädagogische Unterstützung im Unterricht. Dafür bräuchte man andere personelle Ressourcen.
„Der beste Förderort“
Die könne er für 20 Schulen rund um die Stadt Esslingen nicht aufbringen, sagt Eiberger. Mit Außenklassen wäre diese personelle Hürde leichter zu nehmen, glaubt Jürgen Dicke-Bonk, Leiter der Körperbehindertenschule. Kinder mit ausschließlich körperlicher Behinderung hat er seit Jahren nicht mehr auf seiner Schule. Weil das Stuttgarter Kultusministerium das ISEP-Modell - wenige Behinderte in einer Regelklasse - einstellt, wird der Trend zur Außenklassen gehen. Damit macht die Rohräckerschule in Nellingen und Uhingen bereits gute Erfahrungen. Wie viel Unterricht gemeinsam stattfinde und in welchen Fächern die behinderten Schüler getrennt unterrichtet werden, müsse man individuell festlegen, meint Dicke-Bonk. In der Regel werden mehr als 50 Prozent der Stunden gemeinsam unterrichtet. Außenklassen seien aber kein System zum Nulltarif, meint Eiberger, ein paar Lehrer mehr brauche man schon. Für schwerst mehrfach Behinderte bleibe das Sonderschulzentrum „der beste Förderort“.
Ulrich Mathes, Leiter der Schule für geistig Behinderte, sieht bei Außenklassen auch etliche Vorteile für Grundschüler ohne Behinderung. „Sonderpädagogen bringen eine neue Qualität in den Unterricht, er wird konkreter, handlungsorientierter.“ Das Team-Teaching eröffne Grund- und Sonderschullehrern neue Möglichkeiten.
Ausgrenzung im Normalsystem
Mathes und seine Kollegen glauben, dass sich der Prozentanteil von körper- und geistigbehinderten Schülern, die in Außenklassen gut aufgehoben sind, im einstelligen Bereich bewegen wird. Mathes: „Das sind nicht die stillen Kinder, sondern sie werden oft als störend wahrgenommen und im Normalsystem schnell ausgegrenzt.“ Bislang sei das Interesse von Eltern behinderter Kinder an Außenklassen begrenzt. 2009 habe man Werbung machen müssen, berichtet Dicke-Bonk.
Rektor Martin Schutz sieht an seiner Sprachheilschule das ambulante Konzept schon verwirklicht. Die Betreuung beginne im Kindergarten. Seine Pädagogen unterstützen etwa 1000 Kinder ambulant. Dagegen würden jährlich nur 60 Kinder in die fünf Sprachheil-Klassen auf dem Zollberg und in Dettingen aufgenommen. Jedes Jahr schaffe ein Drittel den Sprung in die Regelschule, in der 5. Klasse sei noch eine Klasse übrig. Bestimmte Schüler brauchen seiner Ansicht nach den Schutzraum Sonderschule. Kinder mit Kieferspaltung seien sonst Mobbing ausgesetzt, in der Regelschule überforderte Kinder wären von Versagensängsten geplagt. Eltern trügen große Verantwortung, wenn sie ihr Kind entgegen des Gutachtens auf die Regelschule schicken. Das Problem, da sind sich die Rektoren einig, hänge nicht an den Sonderpädagogen. Mathes: „Das Regelsystem muss sich öffnen.“
Die Fraktionen der SPD im Esslinger Gemeinderat und im Kreistag laden zu einem Fachgespräch „Integration und Inklusion - (wie) geht das?“ ein. Sie findet morgen abend um 19 Uhr in der Rohräckerschule statt.
„Wir brauchen sonderpädagogischen Sachverstand für alle Kinder“
weiterer Bericht der Esslinger Zeitung nach dem Fachgespräch zum Thema "Integration und Inklusion ..."
ESSLINGEN: SPD-Fachgespräch zum gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern
Die Klassengemeinschaft von behinderten und nichtbehinderten Kindern hat Leonore Beutel (auf unserem Foto mit Lehrer Axel Widmann und Klassenkamerad Jakob) enorm gestärkt, sagt ihre Mutter. Archivfoto: Bulgrin
Leonore Beutel hat die Zuhörer am meisten berührt, obwohl sie gar nicht im Saal war. „Im Kindergarten passte sie nicht in das System“, erzählte ihre Mutter Bettina über ihre Tochter mit Down-Syndrom. „Sie war auf Erwachsene fixiert, wurde sprachlos und aggressiv.“ All das hat sich geändert, seit sie vor dreieinhalb Jahren in der Burgschule eingeschult wurde. In die Regelschule ihres Wohnbezirks in der Esslinger Innenstadt - wie schon ihre drei älteren Geschwister.
Von Claudia Bitzer
Warum tut sich speziell das baden-württembergische Bildungssystem so schwer mit der UN-Konvention, die behinderten Menschen das Recht auf Beteiligung am Bildungsprozess sichern will? Wie wird gemeinsamer Unterricht von Schülern mit und ohne Handicaps an Regelschulen bereits praktiziert? Und wie wirkt sich die Aufhebung der Sonderschulpflicht auf die Bildungslandschaft aus? Das waren die Fragestellungen, zu denen die SPD-Kreisräte und ihre Kollegen aus dem Esslinger Gemeinderat zu einem Fachgespräch in die Rohräckerschule eingeladen hatten. Ein Thema, das auch schon ohne die anstehende 46-Millionen-Euro-Sanierung des Rohräcker-Sonderschulzentrums kompliziert genug wäre. Ein Ergebnis des Abends deshalb gleich vorweg: Die fünf Sonderschulen werden sicher nicht überflüssig. Und schon gleich gar nicht von heute auf morgen.
Inklusion oder Integration?
Das würde selbst Kerstin Merz-Atalik unterschreiben, Professorin für Sonderpädagogik in Reutlingen und Prorektorin an der PH Ludwigsburg. Sie ist Verfechterin eines „inklusiven“ Bildungssystems, wie es die UN-Behindertenrechtskonvention laut Merz-Atalik klar verlangt. „Spricht man von ,Integration‘, sollen die Menschen in ein System eingegliedert werden, das nicht für sie vorgesehen ist. Es wird ständig gefragt: Ist dieser Mensch auch integrationsfähig?“ Die „Inklusion“ gehe hingegen von der Unterschiedlichkeit aller Individuen aus. Sie kenne kein Aussondern, sondern suche Strukturen, „die der menschlichen Vielfalt gerecht werden“.
Die Inklusionsklasse
Solche Strukturen versucht Klaus Hummel an seiner Burgschule ohnehin allen Kindern anzubieten. Im Rahmen des Integrativen Schulentwicklungsprojekts ISEP sind seit dreieinhalb Jahren auch zwei Kinder mit Down-Syndrom und zwei weitere mit sonderpädagogischem Förderbedarf darunter. Eine Grundschul- und eine Sonderschullehrerin unterrichten die Klasse im Tandem. Die 20 Stunden, die die Sonderschule einbringen kann, „reichen eigentlich nicht aus“, so Hummel. „Wir haben für solche Projekte keine Berechnungsgrößen. Es ist ein Schulversuch“, erklärte Jürgen Dicke-Bonk, Rektor der Schule für Körperbehinderte im Rohräckerzentrum. Tatsache ist jedenfalls, dass vom Miteinander auch die anderen Schüler an Hummels Brennpunktschule profitieren: „Wir in den Regelschulen brauchen den sonderpädagogischen Sachverstand für alle unsere Kinder“, so Hummel.
Die Außenklasse
Das ISEP-Modell wird in Baden-Württemberg vermutlich keine Zukunft haben. Das Land setzt offenbar auf mehr Außenklassen: Anders als in den Inklusionsklassen bleiben die behinderten Jungen und Mädchen Schulkinder der entsprechenden Sonderschule, haben ihr Klassenzimmer aber an einer Regelschule und kooperieren dort mit einer Partnerklasse. Die Schule für geistig Behinderte des Rohräckerzentrums arbeitet auf diese Weise schon mit der Klosterhofschule und der Erich-Kästner-Schule in Nellingen zusammen. Mindestens fünf Kinder mit Handicaps braucht es, dass die Rohräckerschule für eine Außenklasse bis zu zwei Lehrer zur Verfügung stellen kann. Der Umfang der Kooperation ist nicht vorgeschrieben. Seitens der Rohräckerschule wird jedoch großer Wert auf möglichst viele gemeinsame Stunden gelegt. Sonderschullehrerin Andrea Fretz: „Wir machen täglich zwischen zwei und fünf Unterrichtsstunden zusammen.“ Doch auch dieses System funktioniert wie ISEP nur bei „engagierten Kollegen auf beiden Seiten, die sich über das Maß hinaus engagieren“, betonte Udo Lang, Rektor der Erich-Kästner-Schule. Weiteres Problem für die Kinder: die langen Anfahrtswege quer durch den Kreis.
Die Kritik
Inklusions-Befürworterin Merz-Atalik ist das Außenklassen-Modell nicht weitreichend genug: „Es erreicht nur einen kleinen Teil der Menschen mit Beeinträchtigungen. Außerdem haben zehn Prozent aller Kinder Förderbedarf. Warum kann man nicht allen Kindern das sonderpädagogische Potenzial mit auf den Weg geben?“
Für Leonore Beutel war die Inklusionsklasse richtig: „Sie entspannte sich, die Aggressionen verschwanden, sie bekam Selbstvertrauen“, so ihre Mutter. Doch muss das, was für Leonore gut war, nicht automatisch auch für alle anderen Jungen und Mädchen richtig sein. Längst nicht alle Eltern wollen ihre Kinder mit Handicaps in einer Regelschule exponiert und womöglich gar unter Druck sehen - auch das hat sich an dem Abend gezeigt. Und schon gleich gar nicht, wenn sie dort im Unterricht keine speziellen Fördermaßnahmen für ihr Kind und keine sonderpädagogische Kompetenz von den Lehrern erwarten können. Selbst für die Außenklassen tut sich die Schule für geistig Behinderte teilweise schwer, Interessenten zu finden, berichtete Ulrich Mathes, Leiter des betreffenden Hauses im Rohräckerzentrum.
„In einem muss sich das Land jedenfalls klar sein: Ohne zusätzliche Ressourcen wird es keine Qualitätsverbesserung geben“, meinte ein Zuhörer am Ende des Abends.



