Großgerätelandschaft

Erfolgserlebnisse ESSLINGEN: Immer wieder dienstags steht an der Rohräckerschule der Spaß an der Bewegung im Vordergrund

Auf dem Rollstuhlparcours ist durchaus erwünscht, dass Gehende den Perspektivwechsel aus dem für sie ungewohnten Gefährt wagen. Hier gelingt der Frisbee-Wurf durch den Ring glänzend.Fotos: Bulgrin

Von Claus Hintennach

Sude macht auf dem hohen Kasten einige Trippelschritte. Mit dem Treten auf der Stelle scheint sie sich eine Extraportion Mut anzulaufen. Schließlich packt die Neunjährige mit beiden Händen den von der Hallendecke baumelnden Ring, stößt sich zaghaft ab und schwingt sich vom Kasten hinüber auf das mit einer dicken Matte gesicherte, eineinhalb Meter entfernt stehende Pendant. Susanne Wansky-Domhöver leistet zwar Hilfestellung, doch sieht sie sich angesichts solcher ausgeloteter Grenzen bestätigt. „Das sind die ganz persönlichen Erfolgserlebnisse“, sagt die Sportbeauftragte an der in der Esslinger Rohräckerschule integrierten Schule für geistig Behinderte. Wansky-Domhövers Kollegin Renate Weissbach von der Förderschule hat vor zwei Jahren die wöchentliche Veranstaltung ins Leben gerufen, die bei Schülern wie Schulleitung sehr gut ankommt. Immer dienstags wird in der Sporthalle eine Bewegungslandschaft aufgebaut, in der nicht nur Schülerinnen und Schüler aus vier Schulen des Zentrums koordinative Fähigkeiten und Ausdauer trainieren, sondern auch Selbstbewusstsein tanken und zudem ein Teamgedanke unter den ansonsten recht strikt getrennten Schulen entsteht.

Beispielhafte Kooperation„Eine einzelne Schule könnte das nicht leisten“, sagt Ulrich Mathes, der Leiter der Schule für geistig Behinderte. Früh morgens wird die Bewegungslandschaft von mehreren Lehrern aufgebaut. Vier Termine werden jeden Dienstag festgelegt, damit möglichst viele Schüler teilhaben können. Das Gros der Betreuer sind Lehrer, auch einige Zivildienstleistende und Absolventinnen des Freiwilligen Sozialen Jahrs sind darunter. Der Personalschlüssel ist hoch, da einige Schüler Einzelbetreuung benötigen. Förderschule sowie die Schulen für Körper-, Sprach- und geistig Behinderte sitzen mit im Boot, wenn auf dem Zollberg die Möglichkeit zum Austoben geschaffen und die natürliche Freude an Bewegung aufgegriffen wird. Mathes stellt fest, dass die Schüler danach ruhiger an den Schulalltag herangehen. Der Schulleiter wünscht sich mehr solcher Kooperationen, etwa bei AG-Angeboten mit Theater, Gesang, Fußball oder einer Schulband. „Wir müssen diesen Weg noch weiter gehen.“ Das spielerische Element steht bei der Bewegungslandschaft im Vordergrund. Gestartet wird mit einem kleinen Aufwärmprogramm, heute wird zu afrikanischer Musik geklatscht und getanzt. Dann geht es an die Stationen. Man schwingt sich an Seilen, es gibt einen Rollstuhl¬parcours, auf dem durchaus auch Gehende mit dem Gefährt einen Perspektivwechsel wagen sollen, auf dem Trampolin wird gesprungen, auch das Krabbeln durch auf einem Barren liegende Tonnen fordert Überwindung, mit einem Fußball sollen Kegel von einem Kasten geschossen werden.

Letzteres gelingt der achtjährigen Nina auf Anhieb, ihre Augen strahlen. Sude springt gern auf dem Trampolin, findet aber eigentlich „alles ganz schön“. Kraft, Ausdauer, Gleichgewichtssinn und Koordination werden gefördert. Das Training läuft sehr geordnet ab, der Lautstärkepegel hält sich angesichts einer Schar von 40 Kindern und Jugendlichen in Grenzen. Kein Kind steht nur herum, alle sind mit Eifer bei der Sache. Renate Weissbach spricht angesichts der Entwicklung dieser Einheit von einem großen Erfolg. Mit dieser künstlichen Welt solle Ersatz geschaffen werden für vielfach abhanden gekommene Bewegungsmuster. Denn laufen und springen komme beim Spielen einfach zu kurz, sagt Weissbach. „Sie sollen Sachen machen, die sie sonst nicht machen.“ Und damit eben auch das Selbsbewusstsein stärken. Dass mit der schulübergreifenden Veranstaltung die Kontakte inbesondere zwischen den Schülern intensiviert werden, ist ein sehr willkommener Nebenaspekt.

Am Schwingen Gefallen gefundenDie 14-jährige Ekaterini aus Esslingen hat sich während der morgendlichen Sport¬einheit zwar ausgetobt, „aber k.o. bin ich nicht“. Kein Wunder, hat sie doch auch schon das Sportabzeichen abgelegt und beim EZ-City-Lauf mitgemacht. Beides hat Susanne Wansky-Domhöver an der Rohräckerschule ins Leben gerufen. Die Sonderpädagogin aus Kirchheim, die selbst eine erfolgreiche Läuferin war, bietet auch in diesem Jahr nach den Osterferien wieder Training für den City-Lauf an. Und sie ist stolz darauf, dass an der Schule für geistig Behinderte in Esslingen im vergangenen Jahr so viele Sportabzeichen wie an keiner anderen Behinderteneinrichtung in Württemberg abgelegt wurden. „Sport kann für jeden Menschen ein Stück Lebensqualität und auch Lebensbewältigung darstellen“, sagt sie.

Die neunjährige Sude hat nach dem ersten geglückten Versuch beim Schwingen von Kasten zu Kasten Gefallen daran gefunden. Das Mädchen aus Bernhausen krabbelt ein ums andere Mal auf den Kasten und greift nach dem Ring, bis ihr diese kleine Luftakrobatik fast ohne Hilfe gelingt. Ein ganz persönliches Erfolgserlebnis - und ein Beleg, dass die Initiatorinnen mit ihrem Konzept den richtigen Weg eingeschlagen haben.